Flüssigkeitsstrategie im Ausdauertraining
Flüssigkeitsstrategie im Ausdauertraining: Raab Vitalfood erklärt Thermoregulation, kardiovaskuläre Drift und wann Elektrolyte und Kohlenhydrate im Getränk physiologisch relevant werden.
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Wer schon einmal einen längeren Lauf absolviert hat, kennt diesen Moment:
Die Beine laufen noch rund, die Atmung ist stabil – und trotzdem verändert sich etwas. Die Herzfrequenz steigt leicht an, obwohl das Tempo konstant bleibt. Der Kopf fühlt sich etwas „wärmer“ an. Der Mund wird trockener.

Das ist kein plötzlicher Leistungseinbruch.
Es ist der normale Regulationsmechanismus des Körpers.

Mit zunehmender Belastungsdauer verschiebt sich die innere Balance des Körpers: Flüssigkeit geht verloren, Elektrolyte werden ausgeschieden, Glykogenspeicher werden beansprucht. Nichts davon geschieht abrupt – aber alles kumulativ.


Was im Körper tatsächlich passiert 

Wärme entsteht schneller als man denkt

Bei anhaltender Muskelarbeit werden nur etwa 20–25 % der umgesetzten Energie in mechanische Arbeit überführt. Der Rest wird als Wärme frei. Diese Wärme muss abgeführt werden – sonst steigt die Körperkerntemperatur.

Der wichtigste Mechanismus: Schweiß.

Schweißproduktion ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentraler Bestandteil der Thermoregulation. Je höher Intensität und Umgebungstemperatur, desto stärker die Schweißrate. Werte zwischen 0,5 und über 2 Liter pro Stunde sind in der Literatur dokumentiert.

Mit dem Schweiß gehen verloren:
•    Wasser
•    Natrium (in relevanter Menge)
•    kleinere Mengen Kalium und Magnesium

Das Herz reagiert auf Volumenverschiebungen

Sinkt das Plasmavolumen, muss das Herz die gleiche Leistung mit geringerer Füllung erbringen. Die Herzfrequenz steigt – ein Phänomen, das als kardiovaskuläre Drift beschrieben wird.

Das bedeutet nicht automatisch Leistungsabfall, aber es zeigt: Flüssigkeitsverluste beeinflussen messbare Parameter der Belastungsphysiologie.

Parallel: Energieverbrauch

Währenddessen werden Muskel- und Leberglykogenspeicher reduziert. Bei längeren Einheiten ist die Kohlenhydratverfügbarkeit ein limitierender Faktor der Ausdauerleistung.
Flüssigkeitsstrategien betreffen daher drei Ebenen gleichzeitig:

1.    Thermoregulation
2.    Volumenregulation
3.    Energieverfügbarkeit - vor allem Kohlenhydrate


Die drei Funktionen eines Ausdauergetränks

Die Basis ist Wasser

Wasser ist das Transportmedium für Sauerstoff, Nährstoffe und Stoffwechselprodukte. Es beeinflusst Blutvolumen und Wärmeabgabe.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat als Aussage zugelassen:
“Wasser trägt zur Aufrechterhaltung normaler physischer und kognitiver Funktionen sowie zur normalen Thermoregulation bei.”

Das ist keine sportliche Spezialaussage – sondern ein physiologischer Grundsatz.

Elektrolyte spielen eine relevante Rolle

Schweiß ist hypoton gegenüber Plasma, enthält aber relevante Mengen Natrium. Individuelle Natriumverluste variieren erheblich. Natrium beeinflusst das extrazelluläre Volumen und die osmotische Regulation.

Bei sehr langen Ausdauerbelastungen wurde eine verminderte Konzentration von Natriumionen im Blut beschrieben, insbesondere bei hoher Flüssigkeitszufuhr ohne entsprechende Elektrolytaufnahme.

Für andere Mineralstoffe gelten folgende zugelassene Aussagen:

  • Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion und zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.”
  • “Kalium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems und zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks bei.”

Diese Claims beziehen sich auf die normale Versorgung, nicht auf akute Leistungssteigerung.

Funktion der Kohlenhydrate im Getränk

Hier wird die Evidenz deutlich klarer. Ein zugelassener EU-Claim lautet:
“Kohlenhydrate tragen zur Aufrechterhaltung der Ausdauerleistung bei längerer Ausdauerbelastung bei”, sofern 4 g Kohlenhydrate pro kg Körpergewicht pro Stunde in Getränken mit 30–80 g Kohlenhydraten pro Liter aufgenommen werden.

Positionspapiere der ISSN und anderer Fachgesellschaften stützen diesen Zusammenhang.

Der Effekt ist metabolisch erklärbar:
Exogene Kohlenhydrate erhalten die Glukoseverfügbarkeit und verzögern die Glykogendepletion.


Hypoton, isoton, hyperton – mehr als ein Marketingbegriff 

Die Osmolalität eines Getränks beeinflusst die Magenentleerung.

•    Hypoton: geringere Teilchenkonzentration als Plasma
•    Isoton: ähnliche Konzentration
•    Hyperton: höhere Konzentration

Hypertonische Lösungen verbleiben tendenziell länger im Magen. Sehr hohe Zucker­konzentrationen können die Magenentleerung ebensfalls verlangsamen.

In der Praxis bedeutet das: Eine moderate Kohlenhydratkonzentration in ausreichender Flüssigkeitsmenge scheint unter Belastung gut verträglich. Extreme Konzentrationen können die Absorption verlangsamen.

Eine pauschale Überlegenheit einer Kategorie lässt sich aus der Literatur nicht ableiten – entscheidend ist die Gesamtzusammensetzung.


Was die Evidenz zur Trinkmenge zeigt 

Eine häufig zitierte Schwelle ist ein Flüssigkeitsverlust von 2 % der Körpermasse.
Meta-Analysen zeigen jedoch ein differenziertes Bild:

  • Unter temperierten Bedingungen ist eine moderate Dehydratation nicht konsistent mit Leistungseinbußen assoziiert.
  • Unter Hitzeexposition zeigen sich deutlichere Effekte.

Gleichzeitig ist dokumentiert, dass übermäßige Flüssigkeitszufuhr bei sehr langen Belastungen mit einer verminderten Konzentration von Natrium assoziiert sein kann.
Orientierungsbereiche aus Positionspapieren:

  • 400–800 ml Flüssigkeit pro Stunde
  • 30–60 g Kohlenhydrate pro Stunde bei Belastungen >60–90 min
  • 300–600 mg Natrium pro Liter

Diese Werte sind keine universellen Vorgaben, sondern Rahmenbereiche. Schweißraten unterscheiden sich teils um mehr als 100 % zwischen Individuen. Daher ist eine individuelle Abstimmung notwendig.


Kontext entscheidet 

•    Unter 60 Minuten
Bei moderaten Temperaturen sind Flüssigkeitsverluste meist begrenzt. Wasser kann ausreichend sein, je nach Ausgangszustand

•    60–120 Minuten
Kumulative Effekte nehmen zu. Thermoregulation und Substratverfügbarkeit gewinnen an Relevanz.

•    Über 2 Stunden
Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Kohlenhydratmanagement werden in Summe relevant. Individuelle Unterschiede werden zunehmend entscheidend.

•    Hitze
Hier verschieben sich alle Parameter: Schweißrate, Herzfrequenz, Flüssigkeitsbedarf.

Der Kontext ist der entscheidende Multiplikator.


Fazit    

Flüssigkeitsstrategien im Ausdauersport sind kein Dogma, sondern ein Regulationskonzept.

Wasser, Elektrolyte und Kohlenhydrate erfüllen unterschiedliche physiologische Funktionen. Ihre Relevanz steigt mit Dauer, Intensität und Temperatur.

Die Evidenz spricht gegen extreme Positionen – weder vollständige Vernachlässigung noch rigide Trinkpläne lassen sich universell ableiten.

Im Kern geht es um Anpassung an Belastung und individuelle Physiologie – nicht um das „perfekte“ Getränk.


Rechtliche Einordnung
Nach der EU-Health-Claim-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) sind gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig, wenn sie zugelassen sind.

Für bestimmte Elektrolyte bestehen unter definierten Bedingungen folgende zugelassene Aussagen:
•    Magnesium trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.
•    Magnesium trägt zum Elektrolytgleichgewicht bei.
•    Calcium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei.
•    Kalium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.

Diese Aussagen beziehen sich auf den jeweiligen Nährstoff und stellen keine Aussage über sportliche Leistungssteigerung dar.

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Quellen
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