Magnesium verstehen: Funktion im Nervensystem und psychische Funktion
Welche Rolle Magnesium über den NMDA-Rezeptor im Nervensystem spielt, worauf die Aussagen zur normalen Funktion des Nervensystems und zur psychischen Funktion beruhen und warum „Anti-Stress“ keine zulässige Angabe ist.
Inhalt

Magnesium-Präparate werden häufig mit klaren Versprechen beworben. Oft sind diese symptombezogen in Richtung “Ruhe”, “Schlaf” und “Entspannung”. Diese Zuschreibungen sind werblich eingängig, greifen aber zu kurz und sind in den meisten Formen zudem regulatorisch nicht zulässig.

Tatsächlich spielt Magnesium eine grundlegende Rolle bei der Signalübertragung im Nervensystem. Diese Rolle ist gut untersucht und bildet die Grundlage für zwei zugelassene gesundheitsbezogene Aussagen. Sie ist allerdings etwas anderes als ein Mittel gegen Unruhe oder Schlafprobleme.

Die Leitfrage dieses Beitrags lautet deshalb: Welche Funktion erfüllt Magnesium im Nervensystem wirklich, und was bedeutet das für die zugelassenen Aussagen zur normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion? Die zentrale Botschaft vorweg: Es geht um eine normale physiologische Funktion, nicht um die Behandlung von Symptomen.


Magnesium als Ion: der Cofaktor im Hintergrund

Magnesium ist ein essenzieller Mineralstoff und nach Kalium das zweithäufigste Kation im Zellinneren. Im Körper liegt es nahezu vollständig als zweifach positiv geladenes Ion (Mg²⁺) vor. In dieser Form ist es als Cofaktor an mehreren hundert enzymatischen Reaktionen beteiligt, besonders im Energiestoffwechsel. In der Zelle liegt die Energiewährung ATP überwiegend als Komplex mit Magnesium vor; viele Enzyme können ATP nur in dieser an Magnesium gebundenen Form umsetzen.

Magnesium ist damit kein „Wirkstoff“, der einen einzelnen Effekt auslöst, sondern ein Baustein für lebenden Zellen, der zahlreiche Prozesse überhaupt erst ermöglicht. Diese Unterscheidung ist wichtig für das Verständnis seiner Rolle im Nervensystem.


Magnesium und die Erregbarkeit von Nervenzellen

Besonders gut charakterisiert ist die Rolle von Magnesium am NMDA-Rezeptor, einem Ionenkanal an der Nervenzelle. Über diesen Kanal kann der Botenstoff Glutamat ein erregendes Signal weitergeben, indem er den Einstrom von Calcium in die Zelle ermöglicht.

Im Ruhezustand der Zelle sitzt ein Magnesium-Ion im Inneren dieses Kanals und verschließt ihn. Dieser Verschluss ist spannungsabhängig. Erst wenn die Zelle ausreichend elektrisch aktiviert wird und gleichzeitig Glutamat bindet, wird das Magnesium aus dem Kanal verdrängt und das Signal weitergeleitet. Magnesium wirkt hier wie ein Riegel, der den Kanal nur unter den passenden Bedingungen freigibt und die Weiterleitung von Signalen ansonsten begrenzt.

Diese begrenzende Funktion ist der eigentliche Punkt. Steht der Zelle ausreichend Magnesium zur Verfügung, bleibt der Riegel wirksam und die Signalweiterleitung geordnet. Fehlen die notwendigen Magnesium-Ionen, wird der Riegel schwächer und die Schwelle, ab der Nervenzellen ein Signal weitergeben, sinkt. Die Zellen werden also leichter erregbar, nicht weil etwas sie stimuliert, sondern weil die normale Begrenzung nachlässt.

Dieser Mechanismus wurde bereits 1984 unabhängig von zwei Arbeitsgruppen beschrieben (Mayer et al.; Nowak et al.) und gehört zu den am besten belegten Ionenkanal-Interaktionen der Neurophysiologie.

Zwischenfazit: Magnesium reguliert die Erregbarkeit von Nervenzellen, indem es einen wichtigen Ionenkanal kontrolliert freigibt. Es ist damit an einer geordneten Signalübertragung beteiligt.


Was die EFSA daraus abgeleitet hat

Auf der etablierten Rolle von Magnesium in der Neurotransmission beruhen zwei von der EFSA geprüfte und zugelassene Aussagen. Die erste betrifft den Beitrag zu einer normalen Funktion des Nervensystems (bewertet im EFSA-Gutachten von 2009). Die zweite betrifft den Beitrag zu einer normalen psychischen Funktion (bewertet im Gutachten von 2010).

Beide Aussagen beschreiben normale physiologische Funktionen. Sie sind kein Beleg dafür, dass Magnesium ein Mittel gegen Stress, Angst, Unruhe oder Schlafprobleme wäre. Im Gegenteil: Eine entsprechende Aussage zur „Widerstandsfähigkeit gegenüber mentalem Stress“ wurde von der EFSA ausdrücklich nicht zugelassen, weil die wissenschaftliche Grundlage dafür nicht ausreichte.

Hier zeigt sich die Grenze zwischen Mechanismus und Marketing. Der beschriebene Riegel-Mechanismus erklärt, warum Magnesium für eine geordnete neuronale Signalübertragung wichtig ist. Er rechtfertigt aber keine Aussagen über Symptome oder Beschwerden. Berichtete Effekte einzelner Präparate beziehen sich häufig auf solche Symptome und gehen damit über das hinaus, was wissenschaftlich und regulatorisch belegt ist.

Auch die Studienlage zu Magnesium und psychischer Belastung ist begrenzt. Beobachtungsstudien zeigen teils Zusammenhänge zwischen einer niedrigen Magnesiumzufuhr und bestimmten Beschwerden, lassen aber keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu. Interventionsstudien sind heterogen und oft klein. Der gesicherte Kern bleibt die Funktion, nicht die therapeutische Wirkung.


Warum der Magnesiumstatus schwer zu beurteilen ist

Eine Besonderheit betrifft die Frage, wie gut ein Mensch mit Magnesium versorgt ist. Der im Blut messbare Serum-Magnesiumwert bildet weniger als ein Prozent des Gesamtbestands im Körper ab. Der größte Teil befindet sich in Knochen und im Zellinneren. Der Organismus hält den Serumwert über Niere und Knochen aktiv konstant. Das hat eine wichtige Folge: Der Serumwert kann noch im Normbereich liegen, während die Zufuhr über die Ernährung bereits niedrig ausfällt.

Damit ist zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden:

  • Serumwert und Gesamtstatus: Ein normaler Serumwert schließt eine knappe Versorgung nicht sicher aus. Eine umfassende Beurteilung erfordert eine ärztliche Einordnung im Gesamtbild.
  • Ausreichende und niedrige Zufuhr: Die D-A-CH-Referenzwerte liegen je nach Alter und Geschlecht bei etwa 300 bis 350 mg pro Tag. Ein Teil der Bevölkerung könnte, nach Erhebungen der Nationale Verzehrsstudie II (2008), diese nicht durchgängig über die Ernährung erreichen. 
  • Grundversorgung und erhöhter Bedarf: Bei einseitiger Ernährung, in bestimmten Lebensphasen oder bei hoher körperlicher Belastung kann die Zufuhr knapper werden. Ob daraus ein zusätzlicher Bedarf entsteht, ist individuell zu betrachten.

Zentrale Einordnung

  • Gesichert: Magnesium ist an der Signalübertragung im Nervensystem beteiligt und reguliert über den NMDA-Rezeptor die Erregbarkeit von Nervenzellen.
  • Gesichert: Auf dieser Funktion beruhen die zugelassenen Aussagen zur normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion.
  • Kontextabhängig: Wie gut ein Mensch versorgt ist, lässt sich am Serumwert allein nicht zuverlässig ablesen.
  • Nicht haltbar: Die Darstellung von Magnesium als Mittel gegen Stress, Angst, Unruhe oder Schlafprobleme. Solche Aussagen sind nicht zugelassen.
  • Unsicher: Inwieweit eine zusätzliche Zufuhr bei bereits ausreichender Versorgung die psychische Funktion weiter beeinflusst.

Fazit

Magnesium erfüllt im Nervensystem eine klar umrissene Aufgabe. Es reguliert die Erregbarkeit von Nervenzellen und ist damit an einer geordneten Signalübertragung beteiligt. Auf dieser Funktion beruhen die zugelassenen Aussagen zur normalen Funktion des Nervensystems und zur normalen psychischen Funktion. Das ist etwas grundlegend anderes als ein Mittel gegen Symptome. Wer Magnesium einordnen will, sollte daher von der Funktion ausgehen, nicht vom Versprechen.

Eine zweite Frage betrifft nicht die Funktion, sondern die Form: Warum gibt es so viele Magnesiumverbindungen, und was unterscheidet sie? Damit befasst sich unser Beitrag „Warum es so viele Magnesiumverbindungen gibt“.

 

Rechtliche Einordnung
Nach der EU-Health-Claims-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) sind gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig, wenn sie zugelassen sind und im geprüften Wortlaut verwendet werden. Für die Rolle von Magnesium im Nervensystem gelten unter anderem folgende zugelassene Aussagen (Verordnung (EU) Nr. 432/2012):
•    Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.
•    Magnesium trägt zur normalen psychischen Funktion bei.
Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise sind Grundlage für die Gesundheit.
Diese Aussagen beschreiben normale physiologische Funktionen. Nicht zugelassen und damit unzulässig sind Formulierungen, die eine beruhigende, entspannende oder schlaffördernde Wirkung nahelegen oder einen Bezug zu Stress, Angst oder anderen Beschwerden herstellen.


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Quellen
  • Mayer ML, Westbrook GL, Guthrie PB. Voltage-dependent block by Mg2+ of NMDA responses in spinal cord neurones. Nature. 1984;309(5965):261–263.
  • Nowak L, Bregestovski P, Ascher P, Herbet A, Prochiantz A. Magnesium gates glutamate-activated channels in mouse central neurones. Nature. 1984;307(5950):462–465.
  • de Baaij JHF, Hoenderop JGJ, Bindels RJM. Magnesium in man: implications for health and disease. Physiol Rev. 2015;95(1):1–46.
  • Rosanoff A, Weaver CM, Rude RK. Suboptimal magnesium status in the United States: are the health consequences underestimated? Nutr Rev. 2012;70(3):153–164.
  • EFSA NDA Panel, EFSA Journal 2009;7(9):1216 (u. a. Neurotransmission); EFSA NDA Panel, EFSA Journal 2010;8(10):1807 (normale psychische Funktion); Verordnung (EU) Nr. 432/2012; VO (EG) Nr. 1924/2006; D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Magnesium (DGE).
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